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Was ist der Unterschied zwischen Wertstrom und Prozess? Wenn wir die Produktivität steigern wollen, müssen wir beides optimieren. Dabei gilt es zu unterscheiden, was wir wann tun. Ebenso wichtig ist aber auch, dass wir nicht den Wertstrom isoliert vom Prozess verbessern können.

Beide Begriffe gehen dabei häufig durcheinander, und sie sind auch nirgendwo „kanonisch“ definiert. Jede Begriffsklärung ist also individuell – aber es gibt ein paar Verständnisse, die sich durchgesetzt haben. Auf jeden Fall ist es innerhalb eines Unternehmens sinnvoll, ein gemeinsames Verständnis von Begriffen zu pflegen. Andernfalls redet man intensiv aneinander vorbei und nichts kommt voran. Lassen Sie uns also die Begriffswolke sortieren!

Folgende Begriffe werden häufig genutzt, aber individuell unterschiedlich interpretiert: Prozess, Kernprozess, End-to-End-Prozess, Geschäftsprozess, Teilprozess, Prozessanalyse, Prozessoptimierung, Wertstrom, Wertstromanalyse, Wertstromdesign, Wertschöpfungsschritt, Produktionsprozess. Kein Wunder, wenn das Management in einer babylonischen Sprachverwirrung endet.

Was ist ein Prozess in einer Organisation?

Für den Begriff „Prozess“ gibt es viele Definitionen. Für mich ist maßgeblich: es gibt einen klar definierten Anfang und ein ebenso definiertes Ende. Dazwischen finden Aktivitäten statt, die jemand ausführt. Aus meiner systemischen Sicht kommt als wichtiges Merkmal hinzu, dass diese Abfolge beobachtet ist –  denn ohne Beobachtung gibt es keine Führung. Anfang, Aktivitäten, Ende: Die machen einen Prozess.

Definition End-to-End-Prozess

Der Begriff „End-to-End-Prozess“ ist eigentlich ein weißer Schimmel. Denn wie gesagt braucht jeder Prozess einen Anfang und ein Ende. Wenn Leute von „End-to-End-Prozess“ sprechen (eigentlich meinen sie „Anfang–zu–Ende–Prozess“), dann wollen sie damit betonen, dass Anfang und Ende des Prozesses signifikante Marken im Unternehmen darstellen und im Prozess Aktivitäten in unterschiedlichen Teams stattfinden. Damit will man den End-to-End-Prozess vom kleinteiligen Abteilungsprozess abgrenzen. Der ist häufig ein „Teilprozess“ eines größeren Zusammenhangs.

Solche End-to-End-Prozesse werden oft mit markigen Schlagworten als Name belegt. „Order-to-Cash“ ist so ein berühmter Prozess. Damit ist der wichtige Prozess gemeint, der vom Auftragseingang vom Kunden bis zur Bezahlung der Leistung geht. Wenn so ein End-to-End-Prozess unmittelbar eine Leistung für die externen Kunden erbringt (und das Unternehmen damit Geld verdient), dann nennen wir das einen Kernprozess.

Was ist der Unterschied zwischen Wertstrom und Prozess?

Mit Wertstrom ist die Kette an Leistungsschritten gemeint, die ein Unternehmen erbringt, um ein Produkt (oder eine Leistung) herzustellen. Das ist unabhängig vom Auftragsprozess „Order to Cash“, denn die wenigsten Unternehmen produzieren ihre Waren ausschließlich nach Auftragseingang. Sie merken schon: Der Begriff „Wertstrom“ wird meistens im Zusammenhang mit Produktion verwendet.

Um aus rohen Metallstäben ein fertiges Metallprodukt zu erstellen, durchläuft das Material mehrere Wertschöpfungsschritte: Der Stahl wird gedreht, gebohrt, geschnitten, die Oberfläche wird geschliffen und veredelt, schließlich werden verschiedene Teile zu einer Komponente verschweißt. Diese Produktion erfolgt nicht direkt gekoppelt an einzelne Aufträge, daher unterscheidet sich dieser Wertstrom vom Auftragsprozess.

Was ist Inhalt einer Wertstromanalyse?

Bei einer Wertstromanalyse und beim Wertstromdesign geht es darum, die einzelnen Wertschöpfungsschritte (die häufig auch Produktionsprozesse genannt werden) zu koordinieren. So erwartet das Produktionsprinzip „One Piece Flow“, dass jeder Produktionsprozess immer genau ein Stück seines Produkts an den nächsten Schritt weitergibt, der das sofort bearbeitet. Das nächste Stück wird erst dann bearbeitet, wenn der Folgeschritt es auch abnehmen kann. In diesem Planungsprinzip gibt es keine Lager zwischen den Schritten.

Aber ein One-Piece-Flow ist sehr selten. Meistens haben die einzelnen Produktionsschritte ihre eigenen Losgrößen und Takte. Damit der nächste Schritt immer genügend Vorprodukte findet, gibt es ein Lager zwischen den Schritten. Mit einer Wertstromanalyse stellen wir dar, woher welcher Schritt seine Materialien bekommt, wie groß das jeweilige Zwischenlager ist und wann Material von extern in den Wertstrom gelangt.

Optimales Wertstromdesign

Im Idealfall sind alle Produktionsprozesse so gestaltet, dass sie einen einheitliche Taktlänge für einen Produktionsauftrag haben. Die Losgröße der einzelnen Schritte hängt dann von der vorgegebenen Taktgröße ab. Die Zwischenlager sind so bemessen, dass immer genug Vorprodukte auf Lager sind und die Vorgängerschritte rechtzeitig nachproduzieren können. Es liegt nie zu viel Material herum.

Dieses Wertstromdesign kommt aus dem Lean Management und nutzt eine Koordination mit KanBan-Karten: Der Vorgängerschritt bekommt immer dann einen Produktionsauftrag, wenn das Lager am Nachfolgeschritt Nachschub braucht. Die Reserve muss ausreichen, dass der Vorgänger in der Zwischenzeit eine Einheit nachproduzieren kann.

Geschäftsprozess: Koordination der Schritte im Wertstrom

Die Steuerung der Informationen und Abläufe im Wertstrom ist der Geschäftsprozess. Hier werden Produktionsaufträge an die einzelnen Stationen gegeben, Lagerabrufe getätigt, Material vom Lieferanten geordert, Transporte koordiniert, Aufträge in den Prozess gespeist und Qualitätsprüfungen gesteuert. Aber eigentlich beschreibt dieser „Geschäftsprozess“ gar nicht einen durchgängigen Prozess im oben beschriebenen Sinn, sondern das Ineinandergreifen vieler solcher Prozesse.

Diese müssen so miteinander verbunden sein, dass die für die Produktion benötigten Informationen ohne Medienbrüche durch den Wertstrom fließen können. Das zu organisieren, ist eine echte Management-Aufgabe.

Fazit aus der Begriffsklärung Wertstrom – Prozess für die Praxis

  1. Wir können keine Prozesse optimieren, wenn wir den Wertstrom nicht kennen.
  2. Das Design des Wertstroms und des koordinierenden Geschäftsprozesses hat Vorrang vor der Optimierung der einzelnen Geschäfts- oder Produktionsprozesse.
  3. Der Schlüssel für einen stabilen Wertstrom sind valide Informationen im gesamten Geschäftsprozess.

Als Organisationsberater sehe ich meinen Schwerpunkt darin, Ihnen zu helfen, Ihre gesamte Produktivität zu heben. Wertstromdesign und Prozessoptimierung gehen dabei Hand in Hand.

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